Kannibalismus – Ja oder Nein?

Ein Essay zum Thema Toleranz                                                                     

Max öffnet seinen Briefkasten, die Zeitung, Rechnungen und ein Brief fallen ihm entgegen. Kurz wirft er einen Blick auf die Titelseite der Süddeutschen. Fall XY: dürfen Lehrerinnen ein Kopftuch tragen? Der Fall von Frau Soundso. Was für eine Frage, denkt Max, wieso denn nicht? Achtlos legt Max die Zeitung mit den Rechnungen beiseite und nimmt den Brief in Augenschein. Er stammt von seiner Oma. Max dreht und wendet ihn, hält ihn ins Licht und ist fasziniert. Nicht etwa, weil seine Oma tot ist oder ihm einen Brief schreibt, nein er wäre eher über eine E-Mail von ihr überrascht. Vielmehr zieht ihn die Briefmarke in ihren Bann. 

Er ist kein Briefmarkensammler oder in sonstiger Hinsicht an ihnen interessiert, aber diese wirbt tatsächlich für mehr Toleranz! Früher zeigten Briefmarken Gebäude, Denkmäler, berühmte Persönlichkeiten, Tiere und andere Dinge, auf die ein Land stolz war. Doch Deutschland scheint Toleranz wichtiger geworden zu sein. Aber was ist eigentlich mit Toleranz gemeint?

Wie Max geht es vielen. Das Wort Toleranz begegnet uns überall, ob im täglichen Sprachgebrauch, in der Schule oder in dem Zeitungsartikel, den er so achtlos beiseitegelegt hat. Toleranz scheint unglaublich wichtig zu sein. Kurt Tucholsky meinte: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“ Doch geht es bei Toleranz tatsächlich um „Recht haben“? Oder geht es nicht vielmehr darum, einer anderen Denkweise, Kultur oder Ansicht mit Respekt, Akzeptanz, Anerkennung und einer gewissen Neugierde entgegen zu treten? Toleranz ist also nicht einfach, jemanden zu ignorieren, sondern sich auf eine Diskussion einzulassen, auch wenn man dem anderen am liebsten ohrfeigen würde, weil man dessen Meinung nicht nachvollziehen kann.

Ohne Toleranz geht es nicht. Das wissen auch die Lehrer der vielen Schüler, die „Nathan der Weise“ von Lessing lesen lassen. Auch wenn Andersgläubige Nathans Familie umgebracht haben, zeigt er doch Verständnis und Offenheit für ihren Glauben. Was passieren würde, wenn er sie nicht tolerierte? Vermutlich würde er ihre Familien morden und die würden dann wieder Rache ausüben und so würde es ewig weitergehen. Heute ist es noch genauso. Geht Max auf der Straße in seiner Heimatstadt Hamburg spazieren, begegnen ihm viele unterschiedliche Menschen. Begegnet er allen mit Respekt und Offenheit, gibt es selten Probleme. Was aber, wenn er ihnen aggressiv und mit vielen Vorurteilen gegenübertritt? Zivilisation, wie in der Steinzeit!


Zu Lessings Zeit, der Epoche der Aufklärung, wurde jedoch nicht nur Toleranz gepredigt, sondern auch Werte wie Freiheit und Gleichheit. Doch was, wenn letztere eingeschränkt werden? Ist dann Toleranz trotzdem noch wichtiger?

Denn wer weiß, vielleicht wird Frau Soundso aus dem Zeitungsartikel dann dazu gezwungen, ihr Kopftuch zu tragen, was wiederum ihre Freiheit einschränken würde. Und das noch von einem Mann, der sie unterdrückt und so die Gleichheit zwischen ihnen verletzt. Ja was dann? 

Oder wenn es darum geht, junge Mädchen, gerade 14 Jahre alt, an 30 Jahre ältere Männer zu verheiraten. Kann man da noch von Toleranz gegenüber ihrer Kultur reden, weil sie dem Islam oder im Hinduismus angehören? Oder ist das nicht eher die Augen verschließen und solche Unrechtmäßigkeiten zu ignorieren? Natürlich kann man nach dem Motto „Leben und leben lassen“ agieren, doch in solch einer Situation sollte man sich wohl am besten überlegen, wie es wäre, selbst in die andere Kultur und in die unterdrückte Rolle geboren zu sein. 

Als Außenstehender muss man sich überlegen welche Werte in diesem Fall wichtiger sind. Toleranz oder Freiheit und Gleichheit?

Wie würden Sie denn reagieren, wenn Kannibalen kämen und ebenso wie Vegetarier Anerkennung und Anhänger finden wollen? Würden Sie die Kannibalen tolerieren?

Ein Land braucht also nicht nur eine Bevölkerung die tolerant ist, sondern eine, die mitdenkt und erkennt, wann Toleranz am wichtigsten ist und wann man andere Werte noch darüber stellen muss. Als toleranter Bürger sollte Max sich also stetig weiterbilden und nicht einfach den Artikel über Frau Soundso beiseitelegen. Denn um mit anderen Denkweisen, Kulturen und Ansichten tolerant umzugehen braucht es Argumente und nicht nur Max schlagkräftige Faust.

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